So ein Quatsch, hatte ich gedacht, mir dabei vielleicht sogar die Hand an die Stirn gehauen, als brächte ich damit was Lahmes wieder in Gang: Serifen müssen es natürlich sein! Das war mir dann plötzlich völlig klar.

Sein Tod ist ja jetzt für immer Teil unserer Geschichte. Und irgendwie ist dieses Buch auch eine Geschichte. Es ist alles wahr, was darin steht. Sein Tod ist keine Erzählung. Aber der Text erzählt von ihm und von uns, wie es war mit ihm, wie es ist ohne ihn. Dieses lange, lange Schreiben braucht eine Schrift, die für die Augen bequem ist. Gerade auch weil alles so sanft darin ist, in diesem Text über diese schlimmste ins Leben gekerbte Härte, soll dieser Text gut in die Augen gehen können. Also Serifen. Also alles größer, mehr Luft und mehr Raum im Satz für diesen Text. Das waren der Wert und die Erkenntnis dieser so unireaderartig superklein gedruckten Vorabauflage.

Nach zwei Wochen Urlaub ohne Reise, war ich seit drei Tagen wieder auf Arbeit. Es ging irgendwie einfach nahtlos weiter, als wäre gar kein Urlaub dazwischen gewesen. Das triste Stete war hier auch irgendwie was Gutes. Alles blieb damit einigermaßen beieinander. Die Passwörter am Computer waren noch die selben. Die Welt hatte sich nicht verändert. Nichts war weit woanders hin gereist. Und das Buch war ja immer noch da. Es war kurz vor dem Urlaub fertig geworden und hatte mich in diesen freien zwei Wochen – als eine Art Nachschlagewerk meiner eigenen Trauer – begleitet und ich hatte mich gleichermaßen auch aus diesen Kopfanstrengungen dafür etwas zurückziehen können.

Der Parkplatz beim Job war morgens leer, aber im immer noch etwas aus der Zeit gefallenen Rumpel-Edeka – Reste vom Charme eines alten Konsums hängen im Terrazzoplattenboden – waren trotzdem zwei Kassen geöffnet. Die Leute von hier machten ihre Vormittagseinkäufe, zwei hustende Männer, die sich kannten, grüßten sich laut über die nebeneinander liegenden Kassenreihen hinweg, ab und zu wurde „einmal Lotto bitte“ durch die Lautsprecher gerufen, dann kam jemand im Kittel zur Lottotheke, und als irgendwer in der Schlange mal „von hinten“ vorbei musste und das extra ulkig betonte, hatten alle gelacht.

Ich hatte wieder nur bunten Scheiß auf dem Laufband. Eine Milch (als wüchse ich gerade in Schüben, habe ich dauernd diese Dürste auf Milch), Koalabären und Smarties. Ich schwitzte vom Radfahren, es war schon morgens ziemlich heiß und das Schild mit der Aufschrift „Achtung bei Frost und Glätte“ an der betonierten Parkterrassenauffahrt war ein ziemlicher Unsinn. Beim Job war ich unkonzentriert, weil so viele Textfetzen und To Dos im Kopf ratterten. Im Urlaub war damit Pause, aber jetzt hatte ich wieder mit diesen handgeschriebenen Zetteln angefangen. Sie quellen aus den Einsteckfächern meiner Handyschutzhülle heraus und auf ihnen stehen Erledigungen und Einkäufe, ebenso Korrekturen und Ideen für das Buch und auch diese Texte hier. Nachts baue ich dann ein bisschen am Buch rum. Seit Tagen wieder nur vier, fünf Stunden Schlaf nachts. Allabendlich esse ich neuerdings Sonnenblumenkerne. Knispelnd und knabbernd, wie ein Eichhörnchen, sitze ich, nach einer der Müdigkeit gerade noch so abgeklaubten kleinen Schreibeinheit, vor meiner dreiviertel Stunde Mediathekengeriesel, bevor ich mich dann irgendwann doch ins Bett kobele.

Den ganzen Tag schon hatte ich „Vincent“ von Don McLean im Ohr. „Starry, starry night…“ ging das immer als Spieluhr in mir rum. Das passte überhaupt nicht zum Wetter, war aber irgendwie schön und auch was von damals. Beim Raussuchen des Albums – wir hatten zum Anfang der Babyzeit, als das Zuhause der Mittelpunkt unserer zur Familie gewordenen Welt war, immer Schallplatten laufen – hatte ich mich dann sofort bei noch anderen Musiken jener Zeit festgewühlt. Da waren dann alle Kanäle zu allen diesen Zeiten sofort wieder offen. Nach der Maloche fuhr ich zu zahllosen Läden für einen Handventilator. Er sollte größer sein, als ein mit Kaugummi gefülltes Gadget, aber klein genug, damit ich ihn wirklich auch mal irgendwo hinschleppen könnte. Eigentlich soll er aber auf den Tisch bei der Arbeit. Es gab nur noch welche in rosa und beim Rewe kaufte ich, da war der Tag schon fast wieder zu Ende, verschiedene Biere für den Wochenendbesuch. Es war wieder so ein Wochenendeanfangstag, an dem man Biere kauft, die man sonst eher nicht kauft. Ausgerechnet eines der neuen Biere im Sortiment trug dann den Namen unseres gestorbenen Kindes. Ich freute mich, wie ich mich immer freue, wenn sein Name mir begegnet. Aber es war wieder nur der Name und nicht das dazugehörende Kind und das machte mich traurig und ich vermisste ihn und stellte für Schwiegervater und mich zwei von „Karli’s Kellerbier“ in den Einkaufswagen. Für die Schwiegermutter gab es ein „Sommerhell“ und an der Kasse war der Student mit dem Ziegenbart gut drauf und machte flotte Sprüche, als er diese autobiografischen Flaschen über den Scanner zog.

Tagsüber hatte ich noch einen Punkt in der Handyhülle abgehakt und einen Drucker gekauft. Ich war erleichtert, dass Paypal mir eine weitere Ratenzahlung gewährte und die kleine Koala-Spielzeugüberraschung war ein kleiner Stern, der im Dunklen leuchtet.


Martin Hiller hat mit „Frau Elster und der eingestickte Wal“ ein radikales, zärtliches Buch über den Tod des eigenen Sohnes geschrieben. Diese Einträge berichten von der Zeit nach seiner Fertigstellung.

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