Und dann hatte ich nachts doch noch das Youtube angeschmissen und die viertelstündige Kurzdoku angesehen und war sofort wieder drin, im kleinen Fieber, eher einer Art allezeitenübergreifenden, generalgültigen Begeisterung. Wie damals, vor 20 Jahren, als ich die im hiesigen Großelektronikmarkt gekauften Anthology-DVDs endlos oft schaute.

Beatles also mal wieder. Der last song, sagt seine Vermarktung. Die künstliche Intelligenz hat John aus dem Klavier rausgeholt. Es war jetzt also möglich, seine Stimme aus dem schönen, leicht verrauschten Piano-Demo hochzuhieven. Dort war sie all die Jahre so kompliziert versunken, weshalb es damals, Mitte der Neunziger – auch schon wieder dreißig aus der Zeit gerissene Jahre her – beim ersten Wiederanlauf zu dritt, unmöglich gewesen war, das Lied zu Ende zu bringen.

Jetzt hatte es also geklappt und immerhin Ringo und Paul waren noch da, wie zwei wackere Tanten sangen sie jetzt dieses neu-alte, bizarr zeitenthobene „Now and Then“, im Video so ein bisschen puppentrickmäßig zusammenmontiert mit den Digitalderivaten der anderen beiden Beatles. Und so saß ich also da, in einer angenehm leeren Nacht nach den schlaflosen Wochen, das Buch war endlich, endlich fertig, die Druckerei machte jetzt einen anfassbaren, schweren, blätterbaren Block daraus und ich musste eigentlich nichts tun, außer zu warten. Also wartete ich und war – das lag ja jetzt Nahe – auf gute Art zwischen irgendwelchen Zeiten, diesen seit der Trauer ja sowieso nochmal hochintensivierten Empfindsamkeiten für alle möglichen Marker im Damals und Jetzt.

Am Ende der Woche kamen dann die Pakete mit den Büchern. Bukowski hatte sie gebracht und ich war runter in den Flur zu ihm gerannt und hatte die schweren Kisten hochgeschleppt, hätte ihm am liebsten gesagt, was da drin ist, aber wir redeten nur kurz über Versandkosten und Packmaße und auch das war schön, denn er war ja der große, gute Windelbringer der ersten Wochen mit den Babies damals und es war schön, dass genau er jetzt diese erste Auflage über unseren Kindsverlust lieferte.

Zwischendurch in diesen insomnischen Tagen brach mir mal wieder die Brille kaputt, die dritte in wenigen Wochen, es war kalt geworden, an einem Morgen nah am Frost hatte ich die kaputten Handschuhe von hinten aus der Kiste rausgekramt, und ein paar Tage später ging an der Kasse im Laden die Karte wieder nicht. Es war zwar bald Monatsende, aber es kam doch eher unerwartet, da doch zur Zeit alles ganz okay lief, ich ja sogar diesen Kinderschuhkarton mit dem Geld der ersten paar dutzend bar verkauften Bücher im Regal stehen hatte, gefühlt finanziell also gar nichts so schief lag, wie zu anderen, auch wieder sehr damaligen Zeiten. Also mussten alle Einkäufe zurück und wie ein Kind kaufte ich dann, unter missgünstigen, fast verachtenden Blicken von der Frau an der Kasse, nur die Cola, für die ein Taler gerade noch so da war. Aber auch das war egal, das Kopfschütteln der Frau im Kittel, ihre mich musternden Augen, ihre gerümpfte Nase, als hätte sie was Unverzeihliches gewittert, während ich – mit der tesageflickten Billigbrille und den sich obenrum aufriffelnden Handschuhen – das Kleingeld in der flachen Hand wie letzte Kräfte auffächerte; ihr Blick herab auf meine Geldlosigkeit, die für sie wahrscheinlich nicht ein schwaches Einkommen, eher eine völlig falsche Idee eines Lebens war – all das war egal, ich war jetzt so zenmäßig ganz bei mir und sie wusste ja gar nichts von diesem mich am Leben haltenden Buch in meiner Tasche. Ein Exemplar reist ja immer und überall hin mit.

Also trollte ich mich zur Maloche, ließ die vorwurfsvoll meine ungekauften Sachen zurückstapelnde Tante hinter mir wie irgendein mich nicht betreffendes Geräusch und dachte, als die Ladentüre schwunglos aufging, manchmal kommt wirklich alles zusammen, aber immerhin auch irgendwie besser, als wenn alles völlig auseinanderdriftet. Es war ein süßer Satz und mein in Fahrt gekommener, fahriger Kopf schob noch hinterher: und für Blicke ins Zeitliche – ins nähergelegene now und das anderswo abgelagerte then also – war sowieso nie eine Sehhilfe nötig, die Nostalgie weiß immer sehr genau, wo sie hinschauen will.

Und dann war auch mal gut und ich machte den Computer an und ächzte ein bisschen, wie man es eben macht, wenn man nach all dem Alltag auf der Arbeit ankommt, die sich dann für fünf Stunden ein bisschen wie eine Auszeit vom eigenen Leben anfühlt.


Martin Hiller hat mit „Frau Elster und der eingestickte Wal“ ein radikales, zärtliches Buch über den Tod des eigenen Sohnes geschrieben. Diese Einträge berichten von der Zeit nach seiner Fertigstellung.

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